Prof. Dr. Jakob Steinbrenner

HEIMAT- und SACHKUNDE
„Trotz aller Fortschritte wurde bei der Umsetzung der Konzepte zur Sachkunde eine Neuauflage der alten Verbal- und Auswendiglernschule betrieben. „Kunde“ wird so als „Lehre von Bezeichnungen“ und weniger als Verstehensorientierung verstanden. Auch in Deutschland wird der Ansatz der Vorbereitung auf die Sachfächer aber aktuell stärker vertreten.“ (Wikipedia „Sachkunde“, 15.3.10)

Sonntags durch die Stadt spazieren, kein Verkehr, weniger Stress, auf einmal neue Details erkennen (Hausfassade, Bedachung …), die bisher noch nie auffielen. Wer kennt das nicht, im Altbekannten Neues zu entdecken – aber so einfach ist es mit der Kunst nicht.

Neues Sehen, neue Aspekte sehen …

Die Kunst ist Teil unserer Lebensform, wenn wir durch sie Neues sehen, geschieht dies bereits im altbekannten Rahmen der Kunst.

Die Schüler, ihre Heimat, ihre Identität, ihr Viertel, ihre Freunde …. ihre Musik

Wir versichern uns unserer selbst: mein Bett, mein Zimmer, unsere Wohnung, das Treppenhaus, die Straße, der Weg, die Schule – ZUBB, auf einmal bin ich Gott, ich sehe mich, mein Bett, mein Zimmer … und alles und ganz von oben.

Warum denn gleich so viel Metaphysik, mein kleiner Freund? (Grabhund „Der Dutchman“, auf LP ABC, Trion Sound Production, Frankfurt 1981). Der Stuhl, das Treppengeländer, die Mülltonne, der Bürgersteig, das Auto …

Heimat.

Jedes Detail, das wir wahrnehmen, ist das Ende eines Wollfadens, der im großen undurchdringbaren Geflecht endet oder schöner, die Sach- und Heimatkunde eröffnet neue und spannende Blicke auf’s Alltägliche.

Zum Thema: Beispielsweise kann ich eine rote Fläche beschreiben oder zeigen. Das gleiche gilt für meine alltägliche Umgebung – ich kann sie beschreiben (darstellen) oder bestimmte Gegenstände oder Materialien von ihr ausstellen.

Das weiß doch jeder: „Nie kannst du ALLES beschreiben, noch alles zeigen und durch deine Auswahl bestimmst du den Blick auf die Welt.“ Die Narration: das eine ist, was deine Sätze beschreiben, das andere ist die Reihenfolge, in der sie stehen. Das gilt nicht weniger für die ausgestellten Stücke, ihre Materialität …

Der Künstler, das Schulbuch zwingen dem Betrachter, dem Leser ihren Blick auf.
Sach- und Heimatkunde kann nicht alleine in der Beschreibung und Erklärung der alltäglichen Dinge bestehen, sondern muss das Begreifen, das Wissen-wie miteinschließen, d.h. wir müssen lernen, wie unsere Sinne uns durch unsere Umgebung führen, das Geräusch als Geräusch eines bestimmten Tieres zu erkennen, im Geruch des Putzmittels einen bestimmten Stoff zu riechen, das Material zu ertasten … Kurzum, wir müssen die Eindrücke unserer sinnlichen Erkenntnis zu klassifizieren wissen, verstehen, was sie exemplifiziert. Im Normalfall wird dabei nicht nur eine Eigenschaft exemplifiziert sondern ein Bündel. Der Schüler lernt, dass das Eichhörnchen ein Säugetier ist, das im Winter bestimmte Angewohnheiten hat etc. Es sind also Bündel von Eigenschaften, die das ausmachen, was ein Eichhörnchen ist. Im weiteren Verlauf wird der Schüler lernen, welche durch das Eichhörnchen exemplifizierten Eigenschaften von anderen Stadttieren geteilt werden, wie es sich von seinen Verwandten vom Lande unterscheidet etc. Der gute Pädagoge wird dabei die wesentlichen Eigenschaften nicht nur aufzählen, sondern an Tieren, ihrem Fressen etc. exemplifizieren. Der entscheidende Punkt dabei ist, auf Zusammenhänge aufmerksam zu machen, die für unser Leben wichtig sind und zu einem größeren Verständnis führen, d.h. im gelungenen Fall ist Sach- und Heimatkunde Einstieg in die Welt der Technik, Geographie … Ziel dabei ist es, exemplifizierende Eigenschaften zu finden, die sich nicht nur auf wenige Fälle anwenden lassen sondern auch auf künftige noch nicht bekannte Ereignisse anwendbar sind. Das heißt, es geht darum, Eigenschaftskombinationen zu exemplifizieren, die in einem weiten Sinne projizierbar sind oder metaphorisch ausgedrückt: Schneisen in die Unübersichtlichkeit zu schlagen. Die Güte der Beispiele bzw. ihre gelungene Präsentation im Unterricht hängt dabei von ihrer Präzision ab. Hierzu zählt, dass in den Beispielen nur diejenigen Eigenschaften exemplifiziert werden, die nicht nur einen begrenzten Erkenntniswert haben. Auch sollte ein gelungenes Beispiel nicht Anlass dazu geben, dass die falschen, d.h. in seinem Kontext nicht relevanten Eigenschaften exemplifiziert werden.

Klingt das nicht alles viel zu didaktisch-bürokratisch, kurz: alptraumhaft pädagogisch? Etwa im Sinne von: Die Güte der Beispiele misst sich an den Zielvorstellungen des Heimat-und Sachkundeunterrichts? Was aber sind dessen Ziele:

Ziele
Erwerb von Handlungs- und Sachkompetenz durch
• Handeln, das auf eigenen reflektierten (“begriffenen”) Erfahrungen beruht,
• Entwicklung eines fortdauernden Interesses an neuen Erfahrungen und Sichtweisen,
• Gewinnung brauchbarere Begriffe zur Ordnung von Erfahrungen und zur Kommunikation über Erfahrungen,
• Erwerb brauchbarer Erklärungsmodelle für Phänomene, Zusammenhänge,
• Erlernen von Denk- und Untersuchungsweisen (Verfahren zur Informationsgewinnung und -verarbeitung). (http://www.dagmarwilde.de/sachunterricht/hkusu2.html)

Wie lernen wir, was symmetrisch, was harmonisch, was schön ist? Im Allgemeinen durch unsere Sinne oder besser durch Beispiele oder kurzum, wir kriegen es beigebracht.

Ich weiß nicht, wie Sie zur Kunst kamen.

Wie erklären wir jemanden, was „schön“, was „harmonisch“, was „symmetrisch“ heißt?

Wir geben Beispiele und wenn’s funktioniert, sieht er’s.

Kunst verstehen, heißt zu wissen, was ein Werk exemplifiziert.

Beispiel: Schön ist manchmal das, was harmonisch ist und zuweilen ist das Harmonische symmetrisch. Die Güte eines Kunstwerks zu erkennen oder auch der Versuch, das Werk zu bewerten, setzt voraus, die Eigenschaften zu erkennen, die es exemplifiziert. Dieses Verstehen besteht nicht alleine in der Aufzählung der einfachen Eigenschaften, sondern im Erkennen ihrer Verhältnisse (Relationen) untereinander (z.B. Symmetrie ist ein bestimmtes Verhältnis verschiedener Teile zueinander).
Für David Hume zeichnet sich der Mensch mit Geschmack dadurch aus, dass er zu bewerten vermag, ob die verschiedenen durch ein Kunstwerk besessenen oder ausgedrückten Eigenschaften zusammenpassen.

Sollte seine These zutreffend sein, lässt sich das Problem des Kunstschaffens relativ einfach beschreiben: Ein Kunstwerk ist ein Gegenstand (wie alle anderen Gegenstände auch) der unendlich viele Eigenschaften besitzt. Der jeweilige Kontext legt nun fest, welche von diesen Eigenschaften exemplifiziert werden. Komplexe Eigenschaften wie „Präzision“, „Innovation“, „Ironie“ etc. gründen dabei auf weniger komplexe Eigenschaften. Die Kunst des Künstlers besteht nun darin, aus der Vielzahl von Möglichkeiten (Eigenschaftskombinationen), die es erlauben, ein Werk z.B. präzise, innovativ oder ironisch zu machen, die zwingendste zu wählen. Hier liegt die Kunst.

Allgemein zu bestimmen welche Lösung die zwingendste ist, ist ein schwieriges Unterfangen, da Kunstwerke je nach Kontext höchst unterschiedliche Funktionen haben – grob gesagt gilt aber für Kunstwerke dasselbe wie für Theorien: gefragt sind Anwendbarkeit, Komplexität und Kohärenz. Wenn der Betrachter das Kunstwerk nicht versteht bzw. er durch das Kunstwerk keine neuen Erkenntnisse vermittelt bekommt, findet das Kunstwerk keine Anwendung. Ist der Erkenntniswert schnell erschöpft, weil das Werk keine Komplexität besitzt, ist es banal und wird schnell zur Seite gelegt. Kann das Werk als „Argument“ für widersprüchliche Behauptungen gerechtfertigterweise verwendet werden, ist es unpräzise und als Erkenntniswerkzeug unbrauchbar. Dies schließt natürlich nicht aus, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht geklärt werden kann, welche Interpretation des Kunstwerks zutreffend und welche falsch ist. Damit will ich nicht leugnen, dass Kunstwerke höchst vielschichtig sein können und der gleiche Satz auf der einen Ebene zutreffend ist und auf der anderen falsch. Erinnert sei an Margrittes Pfeifenbild: „Dies ist keine Pfeife“ trifft banalerweise auf das Bild zu, da Bilder keine Pfeifen sind, gleichzeitig gehört es zu unserer Praxis beim Umgang mit Bildern, dass wir so tun als ob wir den dargestellten Gegenstand selbst sehen würden, in diesem Kontext ist der Satz „Dies ist keine Pfeife“ trivialerweise falsch. Margrittes Bild exemplifiziert somit auf „schöne“ Weise, wie auf einen Gegenstand scheinbar widersprüchliche Sätze anwendbar sind (gleichzeitig exemplifiziert es auf das Deutlichste, wie Meisterdenker aus einer relativ überschaubaren Tatsache einen großen Hokuspokus fabrizieren).

Es ist also der Kontext, der maßgeblich dafür ist, wie ein Kunstwerk funktioniert und damit bestimmt, welche unserer Urteile darüber zutreffen. Mein letzter Satz ist gerade vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Kunst trivialerweise wahr, man denke nur an die Stichwörter „raumspezifisch“ und „kontextsensitv“. Es ist ja heutzutage bekanntermaßen Programm der Kunst, mit Werken in (soziale) Räume einzugreifen, sie zu verändern, auf Situationen in einem spezifischen Kontext aufmerksam zu machen. Hier zeigt sich dann aber auch eine Doppelrolle der Kunst. Sie ermöglicht nicht nur, dass wir bestimmte Aspekte unseres Lebenskontextes besser verstehen, neue Blickachsen durch sie generieren (und hier grüßt wieder die Heimat- und Sachkunde), sondern die Kunst ist selbst Teil des Kontexts bzw. schafft den Kontext, in dem wir uns bewegen, vor dessen Hintergrund wir urteilen und handeln.

Abschlussfrage: Wo ist Ihre (geistige) Heimat?

Biografie:
geboren am 21.5.59 in Frankfurt am Main. Studium der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Frankfurt und München. Promotion 1994. Habilitation im Fach Philosophie in München 2002 mit der Arbeit „Zeichen über Zeichen. Zum Zitat und anderen Formen der Metabezugnahme“. Mitarbeiter am DFG-Projekt „Der Begriff des Bezugnehmens im Lichte des Vergleichs von sprachlichem und bildlichem Bezugnehmen“ in München und Heidelberg (1998-2001). Sommer- und Wintersemester 2002 Vertretung der Professur für Analytische Philosophie an der LMU. Von 1995-2003 verschiedene Lehraufträge an der LMU und an der Akademie für Bildenden Künste in München. Seit 2002 Privatdozent an der LMU. Von März 2005 bis Juli 2007 Vertretung der Professur für Philosophische Ästhetik und Theorie der Kulturwissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Seit 2008 apl. Professor an der LMU.

Monographien/Herausgaben:
* Zeichen über Zeichen. Grundlagen einer Theorie der Metabezugnahme. Heidelberg: Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren 2004.
* Kognitivismus in der Ästhetik. Würzburg: Königshausen & Neumann 1996.
* Farben: Betrachtungen aus Philosophie und Naturwissenschaften. Frankfurt a. M.: Suhrkamp (stw) 2007 (zus. mit S. Glasauer.
* From Logic to Art. Frankfurt a. M.: Ontos (Reihe: “Philosophische Forschung”), erscheint 2007 (zus. mit G. Ernst und O. R. Scholz).
* Systeme, Symbole, Welten. Studien zu Nelson Goodmans Kunst- und Zeichentheorie. Heidelberg: Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren 2005 (zus. mit O. R. Scholz u. G. Ernst).
* Bilder in der Philosophie & in anderen Künsten & Wissenschaften. Paderborn: Schöningh 1997 (zus. mit U. Winko).

Aufsätze:
* Can Fiction Lie? In: J. Mecke, H. Rott u.a. (Hg.): Culture of Lying. Regensburg (erscheint 2007).
* Sinn und Bedeutung der direkten Rede bei Frege. In: Sonderheft Linguistische Berichte 2007 (erscheint 2007).
* Zitat. In: J. Ritter / K. Gründner (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Basel: Schwabe 2005, Bd. 12, S. 1355 ff.
* Exemplifikation und Bezugnahmefeld. In: Steinbrenner u.a. (Hg.): Systeme, Strukturen, Welten. Untersuchungen zu Nelson Goodmans Kunst- und Zeichentheorie. Heidelberg: Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren 2005, S. 227-234.
* Der Zusammenhang zwischen indirekter und direkter Rede. In: GAP 4 Proceedings 2002, S. 338-348.
* Abbilder, Darstellungen und Teile. In: K. Rehkämper u. K. Sachs-Hombach (Hg.): Vom Realismus der Bilder: Interdisziplinäre Forschungen zur Semantik bildlicher Darstellungsformen. Magdeburg: Scriptum Verlag 2001, S. 57-69.
* Beschreibung und Darstellung: Ein Vergleich von sprachlicher und bildlicher Bezugnahme. In: J. Mittelstraß (Hg.): Die Zukunft des Wissens, XVIII. Deutscher Kongress für Philosophie. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz 1999, S. 589-596.
* Zitatzeit – oder Füßchen der Gänse überall – oder worauf Zitate Bezug nehmen. In: K. Rehkämper / K. Sachs-Hombach (Hg.): Bildgrammatik: Interdisziplinäre Forschung zur Syntax bildlicher Darstellungsform. Magdeburg: Scriptum Verlag 1999, S. 135-144.
* Fälschung und Identität. In: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft 53 (1998) Bd. 2, S. 189-208.
* Die Ähnlichkeit und die Bilder. In: K. Rehkämper / K. Sachs-Hombach (Hg.): Bild, Bildwahrnehmung, Bildverarbeitung: Interdisziplinäre Beiträge zur Bildwissenschaft. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag 1998, S. 125-131.